Der Status quo
Yoga ist gesellschaftlich etabliert und als Präventionsmaßnahme anerkannt. In der therapeutischen Anwendung liegt der Fokus bislang vor allem auf dem Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychomentalen Themen. Erste Leitlinienempfehlungen, etwa bei Brustkrebs oder depressiven Verstimmungen, markieren wichtige Schritte hin zu größerer medizinischr Anschlussfähigkeit – auch wenn Yoga als Therapieform noch nicht regelhaft verankert ist.
Der endokrine Bereich wird bislang jedoch selten systematisch berücksichtigt. Dabei betreffen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes einen wachsenden Teil der Bevölkerung. Sie sind nicht nur eine Frage erhöhter Blutzuckerwerte, sondern Ausdruck komplexer Regulationsstörungen. Körperliche Aktivität, Stressverarbeitung, vegetative Steuerung und hormonelle Dynamiken greifen ineinander. Insulin wirkt im Zusammenspiel mit Muskulatur, Nervensystem und hormoneller Regulation.
Yoga in der Therapie
Hier eröffnet sich ein Entwicklungsfeld für den therapeutischen Yoga – insbesondere dort, wo medizinische, bewegungstherapeutische und psychologische Perspektiven im Sinne einer Mind-Body-Medizin zusammengeführt werden.
Seit mehreren Jahren arbeitet die Yogatherapeutin, Apothekerin und Heilpraktikerin Anja Orttmann-Heuser im Bereich der Diabetologie und stellt TherapeutInnen sowie Betroffenen Yoga als regulatives System vor. Dieses kann in das Management der Erkrankung eingebunden werden und die Stoffwechselregulation sowie Selbstwahrnehmung unterstützen. Muskelaktivierung fördert die Glukoseaufnahme, Atemarbeit beeinflusst vagale Prozesse, gezielte Stressmodulation wirkt auf neuroendokrine Mechanismen. Ziel ist es, Yoga nicht allein als Primärprävention zur Stressreduktion zu betrachten, sondern als strukturiertes Bewegungs- und Selbstregulationsprogramm für Menschen mit Diabetes.
Yoga als umsetzbares Konzept
Im Herbst 2025 durfte Frau Orttmann-Heuser dieses Wirkmodell im Rahmen eines Symposiums der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) unter dem Titel „Yoga als Gamechanger?“ vorstellen. Der interdisziplinäre Austausch verdeutlichte den Bedarf an konkret umsetzbaren Konzepten – insbesondere dort, wo Empfehlungen wie „mehr Bewegung“ oder „weniger Stress“ im Versorgungsalltag abstrakt bleiben. Im Frühjahr 2026 ist gemeinsam mit Dr. Sina Wenzel, Diabetologin und Yogalehrerin, ein Workshop zu „alltagstauglichen Bewegungssnacks“ geplant, der umsetzbare Tools für Sprechstunde und Beratung bereitstellt.
Parallel dazu bemüht sie sich um Pilotprojekte mit Krankenkassen, um Yoga im Kontext von Diabetes auch im Rahmen der Sekundär- und Tertiärprävention strukturell zu verankern. Bestehende Förderstrukturen berücksichtigen chronische Erkrankungen bislang nur begrenzt. Umso wichtiger sind Konzepte, die fachlich anschlussfähig und gesundheitspolitisch realisierbar sind.
Die metabolische Perspektive beschränkt sich nicht auf Diabetes. Auch hormonelle Umbruchphasen wie die Wechseljahre verdeutlichen die enge Verbindung zwischen Stoffwechsel- und Regulationsprozessen. Für die Weiterentwicklung von Yoga im therapeutischen Kontext ist es daher konsequent, die endokrine Dimension differenziert mitzudenken. Ein Berufsverband wie der BDYoga kann diesen Prozess durch qualitätsgesicherte Ausbildungen, fachliche Standards und den Dialog zwischen Yoga und Medizin aktiv begleiten.