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Solo-Selbstständigkeit in der Corona-Krise

Der Bericht von BDY-Vorstandsmitglied Susanne Bohrmann-Fortuzzi beschreibt ihre Erfahrungen als Solo-Selbstständige in der Corona-Krise.

Erfahrungsbericht

Von Susanne Bohrmann-Fortuzzi, Stellvertretender Vorstand

Als die Pandemie über Deutschland hereinbrach, wurde meine Tätigkeit als so genannte Solo-Selbstständige von 100 % auf quasi 0 % heruntergefahren: Unterrichtsverbot seitens der Musikschule, wo ich als Gesangslehrerin arbeitete. Das Umstellen auf Online-Unterricht - nicht möglich wegen Datenschutzproblemen und weil nicht alle Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit hatten auf online umzustellen.

Der Yoga-Unterricht in der Seniorenresidenz verbot sich von selbst - Risikogruppe! Der musiktherapeutische Chor mit Multiplesklerose-Erkrankten ebenso - Risikogruppe par excellence! Yoga-Unterricht in der italienischen Botschaft - schon länger abgesagt wegen Ausgangssperre für Botschaftsangehörige, da die Botschaft ja italienisches Hoheitsgebiet ist.

Blieben meine selbstorganisierten Yoga-Gruppen. Sie habe ich in der Woche vor dem 15. März unter Beachtung besonderer Hygienemaßnahmen noch "in echt" unterrichtet: jede/r brachte die eigene Yoga-Matte und ein eigenes Tuch mit. Wir haben mit Stümpfen praktiziert und uns pflichtschuldigst die Hände gewaschen. Alle Teilnehmenden waren total dankbar, weil noch etwas anderes außer Corona-Nachrichten oder Arbeit im Homeoffice und Kinderbetreuung zu Hause passierte! Dann ging auch dies nicht mehr.

Todesmutig, warf ich alle meine Bedenken und Ängste hinsichtlich Digitalisierung und Datenschutz über den Haufen und wagte den Schritt zum Online-Unterricht. Mit Hilfe der Plattform "Zoom" trafen wir uns in meinem persönlichen Meetingroom und waren erstmal froh, uns alle zu sehen. Das war ein Lichtblick am Horizont! Das gemeinsame Tönen war allerdings ernüchternd: Zeitverzögerung und klirrende Töne umrauschten uns. Schwamm drüber! Hauptsache, wir konnten überhaupt irgendetwas machen, lautete die Devise. Die Asana-Praxis ging schon besser, weil die Übungen bekannt waren. Nur manchmal stürzte die Internetverbindung zusammen... klar um 20 Uhr: Deutschland guckt Fernsehen oder praktiziert Yoga. Hier zeigt sich das unsere Internetverbindungen noch der Verbesserung bedürfen. So kam der Fluss - oder "flow" sagt man ja heute - des Unterrichts nicht so richtig auf. Als Lehrende war nicht möglich zu erfassen, ob die Praktizierenden loslassen konnten oder nicht. Ich entschied mich auf meine eigene Konzentration zu setzen und darauf zu vertrauen, dass dieser Funke über den Äther sprang.

Korrekturen waren über den Bildsturm nur marginal möglich; also habe ich versucht, so detaillgenau, wie möglich alle Übungen anzusagen. Eine sehr gute Übung auch nach 20 Jahren Unterrichtspraxis! Langsam entdeckte ich die positive Seite des uns auferlegten Wandels…

In der folgenden Woche traute ich mich schon eine neue Übung einzuführen, indem ich sie erst vormachte und dann beschrieb und dann die Durchführung ansagte. Auch die Momente der Stille und des Nachspürens erhielten mehr Raum. Wow! - Ich bekam ein Gefühl für Zeit im digitalen Unterricht! Es ging!

Die Überraschung: alle Teilnehmenden waren glücklich über diese Möglichkeit eines gemeinsamen Termins und des gemeinsamen Übens! "Ja!", "bitte unbedingt weitermachen! Wir brauchen diesen Moment des Innehaltens!" Es war herzberührend!

Dann kam der Lichtblick für Kleinunternehmer: die Corona-Soforthilfe! Zack angemeldet und in den virtuellen Warteraum eingetreten, nach ganzen neun Stunden durfte ich das rettende Formular ausfüllen und wieder - Zack! - hatte ich nach zwei Tagen das Geld auf dem Konto. Nicht zu fassen, wie schnell Bürokratie plötzlich sein kann! Das war wirklich beeindruckend und erleichternd zugleich.

Diese Finanzspritze ermöglichte mir, mich auf die neue Situation einzulassen und die auferlegte Pause als Moment des Innehaltens und der Chance zu begreifen.
Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass wir die Krise nicht nur gemeinschaftlich durchstehen und überwinden, sondern auch nutzen, um Dinge ins Positive zu verändern. Und dies nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch den nächsten Schritt zu gehen und das Erlebte gesellschaftlich nutzbar werden zu lassen.
Die Pandemie legt es schonungslos offen: wir sind nicht lauter Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer. Wir sind abhängig von der Gesellschaft, ja sogar von der Weltgemeinschaft, in der wir leben. Wir können uns abgrenzen, aber wir können nicht fliehen.

Insofern gilt es herauszufinden: was kann ich als kleines Zahnrad in der Gesellschaft beitragen, in einer lebenswerten Zukunft voranzuschreiten. Diese uns allen auferlegte Pause können wir als Moment des Innehaltens begreifen und positiv nutzen.

Das dieser Prozess Früchte tragen möge, wünsche ich uns allen von ganzem Herzen!


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